Vom Alleinsein.

Ich wohne allein, ich gehe allein joggen und ich sitze allein auf meiner Couch. Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich oft allein. Aber Alleinsein allein muss nichts Schlechtes sein. Wenn wir allein sind, machen wir eher die Dinge, zu denen wir Lust haben, fühlen uns nicht durch einen Gruppenzwang zu irgendetwas gedrängt, hören die Musik, die uns am besten gefällt und sind am wahrscheinlichsten einfach wir selbst. Deshalb bin ich gern allein.

Natürlich ist der Mensch nicht dazu gemacht, ausschließlich allein zu sein. Und immer nur die eigenen Gedanken zur Unterhaltung zu haben, ist auf Dauer einfach nur öde. Wir würden uns abkapseln und nur noch in unserer eigenen Blase existieren, deshalb ist es ebenso wichtig, Zeit mit Menschen zu verbringen, die wir lieben und schätzen. Und es ist essenziell, auch immer wieder auf neue Menschen zu treffen, die unseren Horizont erweitern und mit denen wir uns austauschen können. Nur Alleinsein funktioniert auf Dauer einfach nicht.

Ein Gefühl, das das Alleinsein begleiten kann, aber nicht muss, ist die Einsamkeit. Wenn ich allein in meiner Wohnung sitze, kann ich glücklich, ausgeglichen, gut gelaunt und zufrieden sein, ich kann aber genauso gut Trübsal blasen und mich alleingelassen fühlen. Und deshalb erinnere ich mich regelmäßig daran, dass Alleinsein und Einsamkeit in erster Linie nichts miteinander zu tun haben.

Einsamkeit ist ein Gefühl, das mich nicht nur überfällt, wenn ich allein bin. Ich kann mich umgeben von mehreren Hundert Menschen viel einsamer fühlen, als jeden Abend bei meinem Dinner for One. Auf einer Party, auf der ich niemanden kenne, kann ich so gut einsam sein, viel besser als versunken in ein Buch an einem verregneten Nachmittag, den ich allein verbringe.

Und genau deswegen ist es schlichtweg falsch, Alleinsein mit Einsamkeit gleichzusetzen. Nur weil mich manchmal die Einsamkeit überfällt, wenn ich allein Zeit verbringe, heißt das nicht, dass ich automatisch immer einsam bin, wenn ich allein bin. Oft haben wir so viel Angst vor dem Alleinsein, weil wir denken, dass das die Situation ist, in der uns die Einsamkeit am wahrscheinlichsten überkommt.

Aber Einsamkeit ist genau wie Vorfreude oder Enttäuschung eine Emotion, die wir nicht loswerden können und deren Auftauchen sich unserer Kontrolle entzieht. Wir können uns meistens nicht aussuchen, wie wir uns gerade fühlen und ob wir gerade einsam sind oder nicht, weil Einsamkeit, wie jedes andere Gefühl, einfach manchmal dazu gehört.

In einem Restaurant schräg angeschaut zu werden, weil ich allein esse oder bemitleidende Blicke zu ernten, weil ich allein im Kino sitze, ist ein Ausdruck dessen, dass die mich umgebenden Menschen automatisch davon ausgehen, ich sei einsam, nur weil ich Dinge, die man in konventioneller Weise eher zu zweit oder in einer Gruppe tut, eben mal allein tue.

Allein in den Urlaub zu fahren, ist für mich ein Ausdruck von Selbstbewusstsein und Mut, nicht von Verzweiflung, Einsamkeit oder sozialer Isolation. Neue Menschen auf Reisen kennenlernen ist so viel einfacher, wenn man allein unterwegs ist. Den ganzen Urlaub so planen, wie nur man selbst es will, kann so angenehm sein. Und es ist ja nicht so, dass wir niemanden hätten, mit dem wir essen, ins Kino gehen oder in den Urlaub fahren könnten. Aber ich, für meinen Teil, mache diese Dinge manchmal einfach lieber allein.

Die Angst vor der Einsamkeit sollte uns nicht dazu bringen, weniger Dinge allein zu unternehmen und uns zwanghafter Weise nonstop mit Menschen zu umgeben, ohne uns mal eine Pause zu gönnen, in der wir zu uns selbst zurück finden. Alleinsein kann Selbstverwirklichung bedeuten. Und wen erfüllt es nicht mit Stolz, von sich selbst behaupten zu können, etwas ganz und völlig allein geschafft zu haben?

Schließlich bringt es einfach nichts, zu versuchen, weniger einsam zu sein, indem wir das Alleinsein meiden, denn Alleinsein ist ein Zustand und Einsamkeit nur ein Gefühl.

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Deutschland I Hannover I Eilenriede I Joggen I Wald.
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6 Gedanken zu “Vom Alleinsein.

  1. sehr beeindruckend geschrieben. ich kenn das gefühl der einsamkeit nur zu gut.ich hab lange gebraucht um mutig genug zu sein, allein essen zu gehen, ich hatte echt „angst“ vor den blicken. und allein in urlaub fahren schien für mich nicht machbar, bis ich es probiert hab. und muss sagen: wenn ich allein esse und die anderen beobachte, die schweigend zusammen essen, dann bin eher ich es, der mitleid hat. und wenn ich allein in urlaub fahre…. das ist einfach genial.
    viele grüsse melanie

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